
Daniel Knorrs Vater hat seine eigene Theorie, weshalb sein Sohn Künstler werden wollte. «Er sagte mir, ich wolle ja nur spät aufstehen können», sagt Knorr mit einem Schmunzeln. Der 41-jährige Künstler, den wir beim Aufbau seiner Ausstellung in der Kunsthalle treffen können, sieht übermüdet aus. «Kunst zu schaffen, ist harte Arbeit», sagt Knorr. Zwei Tage vor Ausstellungsbeginn laufen die Strichmännchen auf einer 30 Meter langen LED-Wand noch, wie sie sollten: Statt parallel zu den Besuchern, laufen sie kreuz und quer. In einem anderen Raum stapeln sich Glasscherben, aus denen Brillen werden sollen. An Schlaf ist vorerst nicht zu denken.
Knorr begann seine künstlerische Laufbahn in der Bildhauerklasse der Kunstakademie in München. Nach einem Aufenthalt in New York landete der aus Bukarest stammende Rumäne in Berlin, wo er seit zehn Jahren lebt und arbeitet – die Wohnung in Berlin Mitte, das Studio in Kreuzberg. Er erzählt, wie sich auf den Gehsteigen und Strassen vor seiner Haustür die Überreste zerbrochener Flaschen häuften. Was eine Plage für den Velofahrer ist, wird zu einer Inspirationsquelle für den Künstler. Knorr fertigte aus dem Abfall eigenwillige Brillen für sein Werk «Scherben bringen Glück». Er erklärt: «Brillen sollen den Blick schärfen. Meine Modelle sind untragbar und somit ihrer Funktion beraubt. » Mehr noch, mit ihren scharfen Kanten könnten sie den Träger gar verletzen.
Dabei kreist Knorrs Schaffen genau darum – um das Sehen, um Sichtweisen, um Wahrnehmung. «Ich will sehen, was uns ausmacht, was individuelle und soziale Identität bedeutet. Dazu versuche ich, die kollektive Wahrnehmung in einem handfesten Werk zu materialisieren. Das Resultat darf gerne auch provokativ sein.» Knorr hat schon Kinderzeichnungen aus Kokain gefertigt oder historischen Skulpturen im öffentlichen Raum schwarze Räubermasken übergestülpt – bis die Polizei die Masken herunternahm.
Nun hat Knorr den Grundriss der Kunsthalle Basel so umfunktioniert, dass sich die Umrisse einer Pistole ergeben. Dieses Bild wird auf Monitoren in allen Räumen der Kunsthalle gezeigt. Die Aussage? «Kultur kann als Repräsentationsmittel einer Gesellschaft auch als Waffe dienen», lautet der Kommentar des Künstlers. Auf den Monitoren bewegen sich die Besucher, die am Eingang mittels Lasergerät gezählt werden, als rote Punkte – sie werden zu Projektilen, die das Gesehene in die Welt hinaustragen, wo es seine Wirkung entfalten kann.
Die Monitore werden später an anderen Orten in anderen Städten aufgehängt. «Es ist Teil meines künstlerischen Konzeptes, dass Arbeiten aus ihrem örtlichen Kontext herausgetragen werden», sagt Knorr. «Durch diesen Austausch von Informationen wird das System der Interaktion erkennbar gemacht und aufrechterhalten.» Diese Form der elektronischen Kommunikation überträgt Knorr auch auf sein eigenes Leben. Ein LED-Lichtsignal in der Wandmitte eines Raumes der Kunsthalle leuchtet in jenen Stunden, in denen der Künstler wach ist. Wenn er schläft, knipst er es aus der Ferne aus. Im Moment strahlt es wohl öfter, als ihm lieb ist – und straft so die Theorie seines Vaters Lügen. (kng, BaZ vom 19.9.2009, Foto Margrit Müller)
›Kunsthalle Basel, Steinenberg 7. Bis 15. November. Di–Fr 11–17, Sa, So 11–17 Uhr.